Wie groß sind Engel eigentlich?
 
Auf Reisen stellen sich immer wieder Fragen. Auch diese:
Muss man wirklich überall gewesen sein? Über weiße, graue und blaue Flecken der Erde
 
 
Reisen ist mein Beruf und wird es hoffentlich bald wieder sein. Wenn ich gefragt werde, was ich so mache und ich sage: „Ich bin Reisejournalistin“, lautet die Antwort in der Regel: „Sie haben’s gut! Das wär ich auch gern.“ Denn die meisten glauben, ich würde ständig Ferien machen und auch noch dafür bezahlt werden. Oder ich würde mich in entlegenen Teilen der Erde herumtreiben, um Abenteuer zu erleben. Ich mache aber keine Ferien, ich vermeide Abenteuer, wo es geht, und: Und ja, auch heute noch gibt es weiße Flecken auf dieser Erde, Regionen, die nie ein Mensch betreten hat. Aber ist es wirklich wünschenswert, dass man auch sie noch unter die Hufe nimmt, nur weil uns die Neugierde reitet? Muss man über jeden Ort berichten?
 
Mir reicht es zum Beispiel vollauf, über die Skelettküste in Namibia zu fliegen, damit mir die Augen übergehen. Sie heißt nicht zufällig wie der Tod, denn sie ist einer der menschenfeindlichsten Orte dieser Welt, ein kalter Ozean, der ans knochentrockene Heiße brandet, und zugleich ist diese Wüste von makelloser Schönheit, kein Stück vergleichbares Land, sondern reine Form und Farbe: schnittige Dünen in Vanillegelb, braune Hügel, die wie aus Leder gefaltet und andere, die aus Buttercreme gespachtelt scheinen; weiche Konturen, die der Wind wie mit Zimt bepudert hat und Schatten in Aubergine. Da unten wäre ich verloren; es von oben zu sehen, ist berauschend.
 
Wie vermessen und riskant es sein kann, als erster und einziger auf einem weißen Fleck und bei fremden Menschen aufzukreuzen, zeigt der Fall eines jungen Amerikaners, der im Jahr 2018 den Bewohnern der Insel North Sentinel auf den indischen Andamanen – entgegen deren ausdrücklichen Wunsch – die Liebe Gottes predigen wollte. Er wurde bei der Landung am Strand mit Pfeilen beschossen und getötet.
 
Einen gewissen diplomatischen Abstand bei der Annäherung an das Unbekannte einzuhalten, erscheint mir ohnedies stets angezeigt, man muss unterwegs weder missionieren noch insistieren. Und manchmal sollte man einfach schweigen, auch später, nach der Rückkehr, denn die Sache mit den Geheimtipps nimmt einem sowieso keiner mehr ab.
 
Meine Sache ist es, mich ortskundig zu machen und dabei möglichst ein wenig persönliches Ergötzen abzuzweigen. Es kann ein nasser, ein grauer oder blauer Fleck sein, den ich keineswegs exklusiv beanspruche, aber ich gestehe, dass mir das schwach Besuchte, das Geheimnisvolle, das Mürbe oder Einstürzende lieber ist als das Geräuschvolle oder allzu Lustige. Und ein Fluss lieber als das Meer.
 
[...]
 
Zum Punkt geräuscharm fällt mir die Elbe im Wendland ein, die seit Anbeginn der Zeit ein Urstromtal ist und bis 1989 eine tödliche Grenze war. In einer Biegung des Flusses liegt der kleine Hafen Schnackenburg und darin die Backsteinkirche von St. Nikolai. Unter ihrem Dach schwebt ein hölzerner Taufengel dem Eintretenden entgegen – in Lebensgröße, wenn man das so sagen darf, denn die Frage, wie groß Engel eigentlich sind, kann wohl niemand endgültig beantworten. Sein blauer Rock unter dem weißgoldenen Harnisch umspielt die Knie, die Ärmel sind aufgekrempelt und in den ausgestreckten Händen hält er eine große weiße Muschelschale. An einer Kette aus eisernen Haken im Rücken aufgehängt, fliegt er seit 1727 seelenvergnügt durch alle schauerlichen Wendungen der Weltgeschichte, wird von zwei goldenen Schwingen, dem leichten Paddelschlag der nackten Füße und seinem Lächeln in der Luft gehalten; ein Vorbild, möchte ich sagen: ein stiller Reisender.
 
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FAZ