Toller Typ
 
Frankfurt-Edinburgh mit dem Zug, für das Bild eines Schlittschuh laufenden Pastors. Bei jedem Besuch widmet Elsemarie Maletzke ihm ein Gedicht. Auch diesmal
 
Ich schwärme für einen schottischen Pfarrer. Er ist schlank, elegant, sportlich, kulturell interessiert, zweihundertdreißig Jahre alt und Presbyterianer. Wir könnten vermutlich nicht über dieselben Witze lachen, aber etwas am Auftritt des Reverend Robert Walker scheint mir darauf hinzudeuten, dass er nicht zur allerstrengsten Sorte gehört. Obwohl er nie zurückschaut, sehe ich ihn jedesmal, wenn ich in Edinburgh bin, seit über zwanzig Jahren. Bekanntlich befördert ja nicht allein ein toller Typ, sondern vor allem eine beharrliche Distanz die nie erlöschende Begeisterung. Zu Hause erinnern mich eine Teetasse, ein Kugelschreiber, in dem Walkers winzige Gestalt in einer Flüssigkeit hin und her gleitet, eine gerahmte Plastiktüte und ein Wollschal mit seinem Abbild an meinen Star in Edinburgh.
Mit dem Flugzeug könnte ich in zwei Stunden wieder bei ihm sein, aber eine Zugfahrt scheint mir als Annäherung an einen Mann des 18. Jahrhunderts passender. Von Frankfurt geht es nach Brüssel und weiter durch den Kanaltunnel erstmal bis London. Endstation für den Eurostar ist die ziegelrote neugotische Eisenbahnkathedrale von St. Pancras. Sie stammt zwar nicht aus Walkers Jahrhundert, aber ihre Pracht und Würde vermitteln der Reisenden – anders als der Frankfurter Flughafen – das Gefühl, dass sie als abenteuerlustiges Individuum und nicht als sich selbst abfertigende Fracht unterwegs ist. Von St. Pancras sind es nur ein paar Minuten zur Euston Station, wo die Züge nach Norden abfahren.
Hinaus und auf der Euston Road bin ich gleich vom abendlichen London umfangen. Lichtspiegel auf regennassem Pflaster; das Gegacker der Fussgängerampeln. Mein leichtes Gepäck passt unter einen Imbiss-Tresen am Fenster, vor dem die Busse wie Schränke vorbeischieben, schwarze Taxis, Passanten. Reis und Curry vom Porzellanteller schmecken festlich nach dem Mampf im Bord Bistro. Von Walkers Jahrhundert lernen heißt, Wegzehrung mitzunehmen.
»Die Reise von London nach Edinburgh ist die einfachste Sache der Welt,« schrieb der schottische Verleger John Blackwood vor 150 Jahren an einen Freund. »400 Meilen in nur neun Stunden.« Mr. Blackwood nahm den Morgenzug und »fegte mit dem Flying Scotsman um Glock sieben nach Edinburgh hinein: Princes Street und die Burg, herrlich anzusehen im Sonnenuntergang!« Ich besteige Glock 23.20 den bereitstehenden Nachtzug, um acht Stunden später bei Sonnenaufgang Walkers Wirkungsstätte zu erreichen. 
 
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