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Die Expedition ins Nachtigallental
 
Wünsche werden wach, von denen man bisher nichts wusste - über die Erstbesteigung und Fremdheit vertrauten Terrains 
 
Am heutigen Tag habe ich beschlossen, den Namen des V. nicht mehr zu nennen. Es verliert deshalb nichts von seiner verderblichen Macht, aber vielleicht gelingt es, ihm durch Stummschalten ein paar Seiten abzugewinnen, mit denen man leben kann. Es macht zum Beispiel selbst keinen Krach. Es fördert das Talent zur Stillbeschäftigung. Es lenkt den Blick auf das Naheliegende, zumindest geografisch, bringt Leute auf Ideen und weckt Wünsche, von denen man bisher nicht wusste, dass es sie gab. In meinem Fall war es die Alleinbesteigung eines Bergs vor meiner Haustür, der Kahle Hahn (dreihunderteinundvierzig Meter) bei Bad Sobernheim, Traverse der Lauschieder Höhe, Abstieg ins Nachtigallental und Erforschung des Rheinland-Pfälzischen Freilichtmuseums ebenda.
 
Bad Sobernheim genießt einen nicht sehr weit verbreiteten Ruhm als reizvoll gelegener Ort an der mittleren Nahe mit einer zentralen Sammlung dörflicher Kulturdenkmäler und als Kurstädtchen, in dem vor hundert Jahren der "Lehmpastor" Emanuel Felke als Hard-Core-Heilkundler wirkte. Doch davon später. Der Berg ruft.
 
Aufbruch: zwölf Uhr dreiflig vom Basislager Lohmühle im Hottenbachtal, fünf Grad plus, Hochnebel, durch den sich ein seltenes Gestirn (Sonne?) zeigt. Ausrüstung: Rucksack, Regenhut, Taschenmesser, Topographische Karte, Mobiltelefon, Wegzehrung, Milchkaffee in der Thermoskanne, ein Stück Mohn-Streuselkuchen. Das Befinden: heiter bis erwartungsvoll. Die Erscheinung: waldfarben mit gelbem Schal.
 
Auf der Karte sieht alles ganz einfach aus und wurde auch schon unzählige Male bewältigt: Anstieg durch einen bezaubernd unaufgeräumten Wald mit einer Schlucht zur Linken, in der ein Bächlein eher steht als geht. Aus dem Abhang sind hohe Bäume über diesen Graben gestürzt, bilden mit ihren bemoosten Stämmen Brücken, über die schwindelfreie Tiere umstandslos vom einen zum anderen Ufer trippeln könnten; kleine Tiere. Große, grunzende, schwarze haben die Böschung nach Fressbarem durchgepflügt und etwas abseits liegen Tempotaschentücher im Wald, die ein anderes Schwein vielleicht in der Erwartung hinterlassen hat, eine externe Macht (die Natur?) werde ihr Verschwinden besorgen.
 
Nach zwanzig Minuten ist die Ruine eines Kelterhauses erreicht, das mit dem Rücken zum Berg am Fuß eines alten Wingerts liegt. Reben wachsen hier schon lange nicht mehr; Baumwurzeln haben die Trockenmauern gesprengt; Ginster und Schwarzdorngestrüpp die Terrassen unter sich begraben. Ehe der Winzer die Lage aufgab, hatte er die Hausrückwand von Innen mit einem Betonpfeiler bis unters Dach verstärkt, der dem Druck des Bergs standhalten soll. Noch hält er stand, doch die Mauern sehen aus wie vom Blitz gespalten. Das Tor steht einen Spalt offen. Sie brauchen nicht nachzusehen; die interessanten Objekte sind bereits geborgen.
 
Auf der Höhe geht es diesmal geradehaus weiter statt wie üblich links herum zum Aussichtspunkt auf dem Kahlen Hahn, von dem man ins Hottenbachtal schauen kann und weit über die bewaldeten Hügel bis zum Weindorf Kirschroth - höchste Rieslinglage in Rheinland Pfalz - und auf die schneebestäubten Hunsrückberge in der Ferne. Heute kehren wir dem Bekannten den Rücken und betreten unerforschtes Terrain, einen Wald aus alten und jungen Eichen, dichten und lichten Gehölzen, durch die zart der petrolfarbene Himmel leuchtet. Der Jagdpächter hat ihn mit Hochsitzen möbliert, die ihm freien Blick auf Pfosten gestatten, die er mit salzigen Lecksteinen zu attraktiven, gleichwohl etwas riskanten Treffpunkten für das Rehwild angelegt hat. Kaum ein Laut. In den Baumkronen wispern Blaumeisen. Die Eiskruste auf den Traktorspuren im Weg zerknirscht unter den Stiefeln wie Baiser. Dann erscheint eine Lichtung mit silbergrau verdorrtem Kraut und ein paar krummen Apfelbäumen.
 
Rheinland-Pfalz: Die Expedition ins Nachtigallental
FAZ